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Die Kuba -
Kiste Nach ruhigem Flug gibt es - natürlich
über dem Bermuda-Dreieck -einige Turbulenzen. Dann
landen wir auf dem Flughafen
Jose Marti Havanna. Soldaten in grünen Uniformen und
mit Gefechtsmützen.
Lange penible Passkontrolle, so dass man das Gefühl bekommt,
man sähe aus wie ein potentieller Konterrevolutionör. Ob man uns mit der unförmigen Kiste
ohne weitere Kontrollen durch den Zoll lässt? Ein müdes Winken und wir
sind durch. Hasta la
victoria sempre ! Vor der Ankunftshalle nehmen uns
eilfertige Helfer die Kiste weg und hieven sie für eine lächerliche
Handvoll Dollar in den Kleinbus, der uns ins Hotel Sevilla bringt. Das
alte Hotel mit kolonialer Geschichte ist nur einen Steinwurf vom Museum
der Revolution entfernt. Auch die Revolution scheint eine 5- Tage- Woche zu haben. Unsere Kontaktfrau bei der internationalen Solidarität ist jedenfalls am Wochenende nicht aufzutreiben. Kuba ist durch den Helms-Burton Pakt einem drückenden Wirtschaftsembargo ausgesetzt. Es fehlt an was allem, besonders an Medikamenten. Wir erkunden jetzt erstmal Havanna. Scheppernde amerikanische Limousinen, keine jünger als dreißig Jahre, verrottete, schwarze Rauchwolken ausstoßende Busse. Weiße Kirchen im spanischen Barock-Stil. Zerfall. Schlangen vor den Geschäften. Aus den Fenstern und aus den tragbaren Radios, von überall her kommt Musik. Den kilometerlangen Malecon entlang, wo Tausende von Menschen flanieren oder auf der schwarzen Steinbalustrade mit Blick auf das Meer sitzen. Ganz in der Nähe treffen wir Rolando mit seiner alten Klapperkiste. Das eine oder andere Blech fehlt. Auf dem Armaturenbrettt stehen alle Zeiger plegmatisch auf Null, auch als er mit uns aus der Hauptstadt in Richtung Osten herausfährt. Wir kommen durch Cojimar, wo Hemingway zum Fischen hinausfuhr. Über den hochgewachsenen Palmen am Strand ist schon der Vollmond aufgestiegen, als Rolando uns in seine Plattenbausiedlung fährt, um uns seine Kisten zu zeigen. Cohiba, Monte Christo, Romeo und Juliet. Wer weiß, wie er an all die Zigarren gekommen ist. Horst trägt ein Barett mit dem Konterfei von Che Guevara, das hier, wo es hin gehört, plötzlich einen anderen Charakter bekommt. Das Hotel Sevilla müssen wir morgen verlassen, es ist überbucht. Unsere Reise-Agentin Esther - sie
hat einmal Mathematik in Leipzig studiert-, bietet eine viertägige Reise
in den westlichen Teil des Landes an, der aussieht wie ein botanischer
Garten, allerdings ohne Namenstafeln. Also packen wir unsere Sachen .
Unsere Kiste kommt für ein paar Dollar Gebühr ins Hoteldepot. Mit dem
Kleinbus Richtung Vinales. Mannshoch Zuckerrohr im roten Lehm,
endlose Apfelsinenplantagen,
später sattgrüne Tabakfelder. Was Fidel jetzt wohl macht? Es
geht das Gerücht, dass
er ununterbrochen in Autos oder Hubschraubern auf der Insel umherzöge.
Diese Ruhelosigkeit sei ein Erbe der Guerilla. Die Mogoten im Tal von Vinales
wirken wie das steinerne Sinnbild von Kubas jüngerer Geschichte: Sie waren in erdgeschichtlicher
Vorzeit die Stützpfeiler einer gewaltigen, das ganze heutige Tal überspannenden
Höhle. Irgendwann stürzte das Dach der Höhle ein und nur die Pfeiler
blieben stehen. Wir kraxeln auf einen hinauf, eine vage Ahnung von free
climbing entsteht Im Tal wartet schon unser Freund
Vario und fährt am nächsten Morgen mit uns an diesen namenlosen paradiesischen
Ort an die karibische
Nordküste. In einem solchen Meer ist das Leben
entstanden. Hier finden
wir Seeigel, Ringelmuscheln und einen verirrten Tintenfisch. Ich sehe
Dutzende von karibischen Brandseeschwalben mit ihren leuchtend lachsroten
Schnäbeln zu, die sich auf einer verrotteten Brücke zur Mittagsruhe
gesetzt haben. Später gibt es Yucca, Essbanane,
weißen Rum und Lobster, die Vario und seine Companeros vor dem Export
nach China und Japan schmuggelnd bewahren konnten. Dieter mit einer
dicken Havanna unter Palmen. Vielleicht können nur in einem kommunistischen
Land Leute wie du und ich wie Kapitalisten leben. Zurück nach Havanna. Nächtlicher
Gang durch die Altstadt. Überall sitzen noch Leute vor ihren
Häusern auf der Straße, alle Fenster und Turen sind offen, Häuser
und Straßen scheinen fließend ineinander überzugehen, besonders wenn
man richtigen Cuba-libre
und Daiquiri und Pina Colada getrunken hat. Es
schmeckt köstlich. Der Platz um die Kathedrale scheint
an diesem Abend ein einziges großes Fest. Lachende Musikanten, Salsa-Tänzerinnen. Du lernst die Leute kennen und bekommst einmal
eine andere Seite
von Kuba gezeigt, als
sie auf den dünnen Seiten der Granma, der Parteizeitung (es
gibt sie auch auf deutsch) steht. Das Spektrum der Hautfarben. (,,Rolando,
gibt es eigentlich Rassenstreitigkeiten auf Kuba?“ –„Nein.
Wenn es Streitigkeiten gibt, sind es die zwischen Dollarbesitzern und
Dollarlosen.“) Am nächsten Morgen fährt uns Rolando
zum Haus der Solidarität. Eine alte mehrstöckige Villa mit einem
gepflegten Garten
in einem der besseren Stadtteile. Die Kiste soll in das Kinderkrankenhaus
William Soler gehen. In der Klinik arbeiten 235 ÄrztInnen, 360 KrankenpflegerInnen.
Für die stationäre Behandlung stehen 333 Betten zur Verfügung. Um die Kiste erleichtert packen
wir für die Rückreise. Abflug von einer wunderschönen Insel und: Die
Entdeckung des Himmels. In dem Roman von Harry Mulisch lese ich
über Kuba: Vielleicht kann auch die Politik
letztendlich auf die Ästhetik zurückgeführt werden, wie die Wissenschaft.
Vielleicht ist das wichtigste Kriterium der Welt nicht die Wahrheit,
sondern die Schönheit.
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