Die Stimmen von Marrakesch

(Aus meinem Marokko-Tagebuch)

 

Bald nach unserer Ankunft in Marokko sind wir in der Dunkelheit schon auf dem Weg zum berühmten Dschmaa el Fnaa (dem Platz der Gehenkten ). Magere Katzen huschen über die Bürgersteige.

Wir sind nicht allein, eine Frau ist an unserer Seite. wir haben sie gleich nach unserer Ankunft im Hotel kennen gelernt. Sie erzählt uns, am Vortag beraubt worden zu sein und in bester Pfadfindertradition bieten wir ihr an, sie zum Platz der Gehenkten zu begleiten. Die Lady ist ungefähr so alt, wie Elias Canetti heute wäre, der uns im Geiste auch begleitet. Ein Zufall führte den jungen Schriftsteller 1954 nach Marrakesch. Nach seiner Rückkehr nach London skizzierte er die Eindrücke dieser Reise und erinnert sich: Ich habe während der Wochen, die ich in Marokko verbrachte, weder Arabisch noch eine der Berbersprachen zu erlernen versucht. Ich wollte nichts von der Kraft der fremdartigen Rufe verlieren.

Canetti  konnte  in  seinen “Stimmen von Marrakesch auch ohne Sprachkenntnisse die wesentliche Botschaft der Menschen und Dinge hören. Von der Dachterrasse des berühmten Cafe de Paris  hören  wir nicht mehr viel  vom Geschehen auf dem Platz der Gehenkten, der schon  halbleer  ist.  Männer  singen  zu Lautenmusik.

  Kaum sind wir am nächsten Morgen aus dem Hotel heraus, tauchen die ersten Schlepper auf. Mohammed organisiert für uns eine Fahrt in die Nachbarstadt. Er macht einen wirklich guten Preis. Als alles ausgehandelt ist, wird Mohammed zum Propheten und hält uns durch das heruntergelassene Autofenster eine kleine Predigt über Liebe und Frieden.

Demnate (,,damned city") : Wir scheinen die einzigen Touristen in der Provinzstadt zu sein und wandern aus dem Ort heraus zu einer Naturbrücke. Die Höhlung. die der Fluss unter dem Felsen auswusch, hat die Umrisse von Afrika. Bei Dunkelheit kehren wir in den Ort zurück. In den Buden der Garköche sitzen noch vereinzelt Männer und löffeln ihre Suppe. Und wir löffeln mit. Nachts heult ein Rudel wilder Hunde durch die Stadt, auf der Suche nach Essensresten und Haushündinnen, die sie schwängern können.

Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Unser Kamel ist ein Märsädääs. sein stolzer Besitzer ( ,,Un bon voiture!") bringt uns an den Fluss, dessen grünen Streifen wir wandernd folgen. Wenn die 8-12 kleinen Jungen in einer der Siedlungen am Rande des Flusses uns sehen. dann laufen sie zusammen und hinter uns her und rufen nach Almosen: ,,Monsieur donnez moi un dirhan ...“ Manchmal sind wir des Bettelns müde und wir versuchen die Kinder abzuschütteln. Sie schmeißen uns Steine hinterher. Wir wundern uns, wie weit sie werfen, bis wir entdecken,  dass  viele  im  Besitz  einer Schleuder sind.

Wir kehren nach Marrakesch, in die rote Stadt zurück.

Das  Hammelfest  steht bevor. Im Taxi, auf dem Dach eines Autobusses, im Fahrradkorb,  auf  dem Rücksitz der Mofa: kein Platz bleibt ungenutzt, um die    Hammel    zum Schlachter  zu  bringen. Längst haben wir die Hammel dieser Stadt ins Herz geschlossen.

Der nächste Tag bringt uns in die Basare der Stadt. Unser Schlepper, der uns den ganzen Tag durch die Souks führt, spricht  ein  gekonnt  deutsch-englisches Gemisch: ,,In diese tradisionell marokkanisch apotek gibt es mehr als 400 plants. auch afrodisiak!" Schließlich führt er uns in den besten Teppichladen der Souks. Der Händler ist ein sympathischer Mann und hat uns schnell für sich eingenommen. Hier kann man lernen, wie man Menschen beeinflusst. Indessen wird, wie es hier Sitte ist, Pfefferminztee mit überwältigender Süßkraft für uns gerichtet. Wie jetzt hier noch ohne Teppich rauskommen ? Stunden später verlassen wir mit einem wunderschönen   Kelim   und einem ansehnlichen Läufer die Souks.

Tags darauf verlassen wir die rote Stadt Richtung Süden. Die Berge des Atlas glänzen nahe und man würde sie für die Kette der Alpen halten, wäre das Licht auf ihnen nicht gleißender und wären nicht so viele Palmen zwischen ihnen und der Stadt. Es geht über den Tizi n Tichka Pass. immer wieder riskieren wir einen Blick in schwindel erregende Abgründe, die durch    keine   Leitplanken beeinträchtigt    sind.     Ein Autowrack  in  der Tiefe  legt stummes Zeugnis ab.

Dann Ait Ben Haddou. ein kleines blitzsauberes  Hotel  vor  einer unglaublich schönen Kulisse: Die Kasbah   des Glaoui, Weltkulturerbe aus Lehm , das nur mit Geldern der Unesco vor dem Zerbröseln gerettet werden kann. Wenn Lehmkrümel reden könnten!

Flussaufwärts geht es zur Kasbah von Tamlakht, vorbei an saftig gründen Gärten, umgeben von rotbrauner steiniger Wüstenkulisse. Auf der vergleichsweise gut erhaltenen Kasbah sitzen insgesamt 24 Störche. Klak-klak heißen sie auf Arabisch.

 

Der junge Taxifahrer verlangt weniger als ein Drittel des Hinfahrtpreises für die Rückkehr nach Marrakesch. Man weiß nie, was die Leistungen und Gegenstände kosten werden. Man möchte meinen, dass es mehr verschiedene Arten von Preisen gibt als verschiedene Menschen auf der Welt.

 


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