| YUKATAN:
MAYA - KRIEG UND SONNE
Unsere
bisher größte Chance, direkt aus der Quelle der kosmischen
Energien zu schöpfen, haben wir verpasst. Jedes Jahr zur Tag- und
Nachtgleiche am 21. März versammeln sich vor der Pyramide von Chichen
Itza Zehntausende, um die mit dem Sonnenlicht herabströmenden astralen
Urkräfte in sich aufzunehmen.
Zu spät für uns, denn als wir am Morgen in den Reisebus steigen,
der uns hinaus zu diesem Schwerpunkt der Mayakultur im nördlichen
Tiefland Mexikos/Yukatans bringen soll, ist es der 14. März, alles
in allem ein unbedeutender Freitag, abgesehen von der Tatsache, dass das
Ultimatum gegen Saddam Husseins Irak gerade abläuft.
Unsere
Reiseführerin nutzt die lange Busfahrt, um uns per Mikrofon mit den
Grundlagen der Maya-Kultur vertraut zu machen.
Diese Kultur war offenbar auch durch zahlreiche militärischen Aktionen
geprägt. In der Endklassik (850-909 n.Chr.) nahmen die Konflikte
zwischen verschiedenen lokalen Zentren zu und die große Bevölkerung
konnte nicht mehr ausreichend ernährt werden. Die Einwohnerzahl ging
zurück, die künstlerischen und baulichen Aktivitäten wurden
eingestellt.
Die
in die Straßen künstlich gebauten Bodenschwellen verlangsamen
nicht nur den Bus, sondern auch den eigenen Blick. Wir kommen durch Maya-Dörfer:
einfache Strohhütten mit Hängematten, Hund und Hühnern,
buntes Webwerk.. Viele Maya migrieren saisonal oder wochenweise, zum größten
Teil nach Cancun, um Geld zu verdienen, die Familien bleiben oft in den
Dörfern. Zum Beispiel Tobi (rühriger Küchenchef und Barkeeper
in einem ) in der Gott sei Dank außerhalb des Halbinsel-Hotel –Molochs
gelegenen Hacienda Punta Sam, unserem direkt am Golf von Mexiko gelegenen
Quartier.
.
In der Anlage von Chichen Itza angekommen, fällt uns gleich das Caracol
auf, eines der wenigen aus dem von Maya besiedelten Gebiet bekannten Rundbauten,
das für ein Observatorium gehalten wird. Der spiralförmige Treppenaufgang
führt in einen kleinen Raum, die Fenster dienten zur Sternbeobachtung.
Die Sternbeobachtung und die verschiedenen Kalender mit Prognosen für
kommende Ereignisse waren und sind z.T. für die Maya überaus
bedeutend: die übernatürlichen Wesen repräsentieren die
Zeit und halten die kosmische Ordnung aufrecht, sie bestimmen den Gang
der Welt.
Chac Mool , der auf dem Rücken
liegende Kriegsgott mit auf dem Bauch gehaltener Schale in der Hand, sitzt
gemütlich auf einer Tempelanlage über einer Prachttreppe. Allerdings
wurde diese Schale ihm zu Ehren mit noch zuckenden Herzen der Kriegsgefangenen
gefüllt...
Der große Ballspielplatz
von Chichen Itza mit seinen 138m Länge und 40m Breite ist der größte
Ballspielplatz Mesoamerikas, ein Zeichen für die Bedeutung des rituellen
Ballspiels. In den Reliefs findet sich ein kniender Spieler mit Schlangen
als Blut aus seinem Hals windend, der Spieler gegenüber hält
den abgetrennten Kopf und ein Feuersteinmesser.
Es ist bis heute nicht recht klar, ob Gewinner oder Verlierer des Spiels
das Leben ließen.
Die Pyramiden haben uns mit
der Wucht ihrer knapp siebzig Meter hoch aufragenden Steinmassen auf der
Grundfläche von acht Fußballfeldern beeindruckt. Gelegentlich
fragt man sich, was Menschen antreibt Großes zu bewirken, der Tag
in Chichen Itza ist so eine Gelegenheit.
Welchem Zweck genau die Pyramiden gedient haben, ist bis heute nicht wirklich
bekannt.
Es ist nicht besonders bequem, auf die Pyramiden zu steigen, erst recht
nicht wieder herunterzukommen. Der Stufenauftritt entsprich allenfalls
Schuhgröße 38. Vielleicht waren die Treppen gar keine Treppen,
sondern hatten die Funktion von Tribünen.
Das Ganze ist ein Rätsel.
Auch im Schatten von 2000 Jahren Geschichte gelingt es nicht immer die
Tagespolitik zu vergessen. Ob es im Irak schon losgegangen ist?
Auf der Nachhausefahrt ist
es im Bus angenehm ruhig. Jeder scheint seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.
Vielleicht Gedanken an den Sieger, der zum Opfer wird, und an den Kriegsgott.
An die anderen Pyramiden in Tulum und Coba z.B., daran wie Forscher sie
aus dem Urwald wieder freilegten, sie dem Vergessen entrissen, und daran,
dass die Zeit am Ende alles vereinnahmt und zersetzt.
Irgendetwas treibt uns, solche Orte aufzusuchen und in unser Bewusstsein
aufzunehmen als Sinnbilder von Dauer und Vergänglichkeit.
Wieder in unserer Hacienda
Punta Sam, genießen wir die laue Nacht unter dem Palmendach, den
Mond über der Meerstraße von Yucatan, den Cuba libre, Tequila....
„ Peter ordert: „ Quatro pina colada, por favor,” Burkhard
reicht heimische Zigarren herum. Unsere Gespräche und Gedanken kreisen
um die Mayatempel, um die Menschenopfer, um den drohenden Irakkrieg!
Am nächsten Morgen ein
Lächeln von Minoe, unserem mexikanischen Sonnenschein. Wir liegen
wieder auf unserer hölzernen „Kommandobrücke“ vor
der Hacienda. Dieter war heute der erste auf dem überdachten Schatten
spendenden Anleger. Sanfte Wellen umspülen den Bootssteg, ein Pelikan
döst auf einem Poller. Über uns Fregattvögel, große,
schwalbenschwänzige Vögel, die ihren eigenen Luftkampf führen.
Ohne Flügelschlag schweben sie in schwindelnder Höhe dahin,
und kaum haben sie mit ihren scharfen Augen eine Möwe erspäht,
die einen erbeuteten Fisch im Schnabel hält, geht es in sausendem
Flug auf sie zu. Die schmerzhaften Stöße werden nicht früher
eingestellt, bis die Möwe ihre Beute dem Räuber überlassen
hat und eilig das Weite sucht.
Jenseits der Straße von Yucatan liegt die Isla de Mujeres, in die
wir uns bald verlieben. Tauchen in flachen Korallenriffs. Die Natur hat
wirklich Phantasie. Auch gegrillt gefällt uns der eben noch in drei
Meter Tiefe stehende Baracuda, eine frisch geschlagene Kokosnuss von einem
fliegenden Strandhändler, den Horst heranruft, erfrischt. Baden.
Der Fernseher über der Strandbar zeigt den vielen Springbreakern
aus den Staaten einmal nicht den Aufmarsch in Kuweit, sondern europäischen
Fußball. „Happy Hour!“
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